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Mainecho: Unter dem Deckmantel der Zivilisation
Ausstellung: Afrikanischer Freundeskreis wirft mit »125 Jahre Berliner Konferenz« Streiflicht auf die Kolonialpolitik

Aschaffenburg: Marianne, Freiheitssymbol und Nationalfigur der französischen Republik, schwingt die Peitsche gegen einen angeketteten schwarzen Sklaven. Der fette Kolonialherr sitzt dabei und lehnt sich zufrieden zurück. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit steht unter der Karikatur. Auf einer zweiten schneidet sich der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck ein Stück vom afrikanischen Kuchen ab.

Die beiden Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert sind die Eingangsbilder der Ausstellung »125 Jahre Berliner Konferenz«, die noch bis Sonntag in der Stadtbibliothek zu sehen ist. Sie wirft ein Streiflicht auf ein weitgehend unbekanntes Ereignis, das 1885 Afrikas Schicksal prägte, als die Weltmächte im Kampf um Rohstoffe und zur Sicherung ihrer geopolitischen Interessen den Kontinent unter sich aufteilten.


Ankunft des französischen Afrikaforschers Pierre Savorgnan de Brazza in Mfoa, heute Brazzaville (Kongo). Seine Berichte über Gräueltaten an Afrikanern wurden auf Wunsch der französischen Regierung geheim gehalten. Repro-Foto: Peter Rogowsky









Auf 75 Tafeln präsentiert der Afrikanische Freundeskreis (Afka) während der Interkulturellen Wochen historische Fakten, Dokumente und Archivmaterial, die Hintergründe und Auswirkungen der Berliner Konferenz zeigen. »Dabei erheben wir nicht den sprichwörtlichen Zeigefinger, um Betroffenheit oder ein schlechtes Gewissen zu erzeugen«, sagt Afka-Mitglied Parfait Kighounga Ngot. Vielmehr wolle der Verein die subtilen Mechanismen zwischen imperialistischem Expansionsstreben und dessen Rechtfertigung durch eine rassistische Ideologie aufzeigen.

Das Bild vom »Neger«

Ergänzend hat Afka zwei Diashows zusammengestellt, die einen Eindruck vermitteln, wie in Werbung, Literatur, Schulbüchern und Magazinen das Bild des »Negers« geschaffen wurde, das bis heute in manchen Köpfen herumspukt und von den Medien gelegentlich aus der Schublade gekramt wird.

So titelte die Zeitschrift »Hörzu« 1996 in der Reihe »Irgendwann nimmt man nicht irgendwas« mit Bildern exotischer Paare: eine Afrikanerin mit Tellerlippe im Arm eines weißen Anzugträgers oder ein halbnackter, wohl proportionierter schwarzer Rapper beim Händchenhalten mit einer extravaganten, reifen, weißen Dame. Erschütternd sind die Bilder von Menschenzoos, in der Afrikas »Wilde« bis in die 1930er Jahre hinein bestaunt, gefüttert und betatscht werden durften. Nicht ausgespart wird auch der Völkermord an den Hereros in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia), der bis 1907 zwischen 25 000 und 100 000 Opfer forderte. Aber auch die Beteiligung von Afrikanern selbst an Sklavenhandel und Profitgier verschweigt die Ausstellung nicht.

Dies alles war möglich, weil die Eroberer den Schwarzen absprachen, Menschen zu sein. »Es ist unmöglich, dass wir annehmen, dass diese Leute Menschen sind, weil wenn wir es tun, dann fangen wir an zu glauben, dass wir selbst nicht christlich sind.« Dies schrieb Aufklärer Charles de Montesquieu 1748 in seinem Werk »Vom Geist der Gesetze«.

»Das Gewinnstreben kam unter dem Deckmantel der Zivilisierung«, sagt Afka-Mitglied Roswitha Kolter-Alex. Sie hofft, dass die Ausstellung Anstoß für Folgeveranstaltungen mit Diskussionen gibt. Die Meinung der Besucher ist auch in der Ausstellung gefragt. Sie können Kommentare abgeben, die wiederum in die Ausstellungen einfließen. Dass diese bald auch in Schulen zu sehen sein wird, darauf hofft der Afrikanische Freundeskreis. »Das eine ist die Vergangenheit, das andere die Frage, was nun?«, so Kighounga Ngot. »Alle Leute, die hier mitgemacht haben, sind Teil der Antwort«, lobt er die Kooperation von Stadtbibliothek, Stadtverwaltung und Ehrenamtlichen, die das kurzfristig umgesetzte Projekt unterstützt haben. Die Ausstellung wird ergänzt durch einen Dokumentarfilm am Freitag ab 17 Uhr im Martinushaus, ein Themenfenster in der Buchhandlung Diekmann und eine ausführliche Präsentation auf der Homepage von Afka.

Sonja Maurer de Aguirre
Quelle: Mainecho vom 14.10.2010


Hintergrund: 125 Jahre Berliner Konferenz
Vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 tagte im Berliner Reichskanzlerpalais die Berliner Konferenz, auch Kongo-Konferenz genannt. Die Vertreter von 13 europäischen Staaten, der USA und des Osmanischen Reichs hatten sich auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck dort versammelt, um über das künftige Vorgehen auf dem afrikanischen Kontinent zu beraten. Afrikaner waren bei dieser Versammlung nicht zugegen. Die Großmächte legten die Kriterien für die völkerrechtliche Anerkennung von Kolonialbesitz fest. Dies löste einen Wettlauf um die noch nicht besetzten Gebiete Afrikas aus. Innerhalb weniger Jahre war Afrika unter den europäischen Mächten aufgeteilt - bis auf Äthiopien und Liberia. Auch Deutschland sicherte sich seinen »Platz an der Sonne« und trat in die Reihe der Kolonialmächte ein. Zweck der Konferenz waren freie Schifffahrt und Freihandel. Mit der Kongo-Akte wurde die Sklaverei verboten, allerdings ging der Handel mit der Ware Mensch bis Anfang des 20. Jahrhunderts weiter. (SMdA)
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